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Märchenstunde


Um den Winter wieder gemeinsam verbringen zu können und die Zugvögel und Winterschläfer unter ihnen abzulenken und wachzuhalten, hatten sich die Freunde Henriette, Lasse, Nils, Ferdinand, Igor und Frieda in diesem Jahr wieder etwas ausgedacht: In unregelmäßigen Abständen hielten sie an Friedas Kamin Märchenstunden ab.

Beim ersten Treffen dieser Art hatten Henriette Hase und Igor Igel das Märchen vom Wettlauf zwischen Hase und Igel mit verteilten Rollen vorgelesen. Dabei hatte aber Igor den Hasen und Henriette die beiden Igelrollen gespielt. Die anderen hatten sich über Igors selbstgebastelte Hasenohren kringelig gelacht. Henriette hatte sich ihre eigenen Hasenohren zurückgebunden und einen glitzernden Stachelmantel genäht. Wenn sie die Igelfrau sprach, steckte sie sich eine Blume ans Ohr. Und wenn sie den Igelmann sprach, schob sie sich kauzig eine Pfeife in den Mundwinkel. Nach diesem grandiosen Auftakt überschlugen sich die Freunde geradezu in ihren Bemühungen, eine originelle Märchenstunde zu gestalten.

Frieda Fuchs und Ferdinand Fischadler hatten auf einer kleinen Bühne die Fabel vorgespielt, in der der schlaue Fuchs (Frieda) dem eitlen Raben (Ferdinand) einen Käselaib durch geschickte Schmeicheleien abluchst. Dazu gab es für die Gäste Käsehäppchen, Kräcker und sogar „Rotwein“ (Traubensaft) zu naschen. Ferdinand hatte sich die Federn schwarz angemalt, um als Rabe mit einem Stück Käse auf dem Kaminsims hocken zu können. Dabei holte er sich ziemlich heiße Füße und wurde danach tagelang die schwarze Farbe nicht wieder los. Aber Frieda lobte seinen Einsatz für die Kunst. Sie hatte gut reden, fand Ferdinand, da sie ja quasi als sie selbst aufgetreten war.

Da sich Frieda für diese Fabel kein bisschen hatte verkleiden können, spielte sie beim nächsten Mal wieder mit: Lasse Laubfrosch brachte das Märchen „Der Froschkönig“ auf die Bühne und brauchte dazu Verstärkung. Frieda durfte die Prinzessin spielen, die ihre goldene Kugel verliert. Lasse spielte natürlich die Hauptrolle des Froschkönigs, aber auch den Vater der Prinzessin. Seine vielen Rollen- und Kostümwechsel sorgten für einige Lacher. Er brauchte ja schon allein als Froschkönig, der sich am Ende des Märchens in einen Prinzen verwandelt, zwei Kostüme. Außerdem legte er einen coolen Stunt hin, der für Begeisterungsstürme sorgte. An der Stelle, an der die Prinzessin den Frosch angeekelt gegen die Wand wirft, woraufhin er sich in einen Prinzen verwandelt, warf Frieda Lasse scheinbar tatsächlich gegen die Wand. In Wirklichkeit sprang Lasse dagegen und ließ es nur sehr schmerzhaft aussehen. Bei Friedas Prinzessinnen-Kostüm hatte ihr Henriette geholfen, die besser nähen konnte. Es war ein „Traum aus rosa Tüll“ geworden, und Frieda war sich sicher, dass Henriette für den Stoff hinterher Verwendung finden wurde.





Bei der 4. Märchenstunde las Igor „Rotkäppchen und der Wolf“ vor. Wie sich herausstellte, konnte er für die unterschiedlichen Rollen toll seine Stimme verstellen. Die Großmutter klang uralt und krank, das Rotkäppchen ganz jung und unschuldig und der Wolf so böse, dass sich Henriette hinter einem Kissen versteckte.

Nach diesen tollen Abenden waren nun alle gespannt, was Nils für die 5. Märchenstunde vorhatte. Er hatte bisher nicht mitgewirkt, denn es wollte ihnen einfach kein Märchen einfallen, in dem ein Schmetterling eine Rolle spielte. Aber Nils bestand darauf, dass in seiner Märchenstunde auch Schmetterlinge vorkommen sollten, und hatte niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen über seine Pläne verraten.

Als es endlich soweit war, saß Nils mit einem Schnellhefter im Vorlese-Sessel und wirkte ein wenig nervös. Auf dem Tisch stand eine hübsche Schale mit leckeren Keksen in Schmetterlingsform. Außerdem hing über dem Kamin eine bunte Schmetterlings-Papiergirlande. Als die Freunde ruhig an ihrem ersten Keks knabberten, sagte Nils: „Wie ihr ja wisst, gibt es keine Schmetterlingsmärchen.“ Nils blickte in die gespannt lauschende Runde: „Also habe ich selbst ein Märchen geschrieben und das möchte ich euch vorlesen.“


„Es war einmal vor langer Zeit ein König, der hatte nur eine einzige Tochter. Die hieß Prinzessin Rosalinda und war im ganzen Land bekannt für ihre Liebe zum Gärtnern und zu allem, was lebt. Im Garten des väterlichen Schlosses verbrachte die Prinzessin am liebsten den ganzen Tag und besah die vielen unterschiedlichen Blumen und Kräuter. Sie betrachtete stundenlang alle kriechenden, krabbelnden, schwirrenden und flatternden Tiere und freute sich über die bunte Vielfalt des Schlossgartens. Wenn ihr Vater, der König, mit dem Gärtner wieder einmal neue Pläne besprach, wie man den Schlossgarten moderner gestalten könnte, setzte sich Prinzessin Rosalinda immer dafür ein, dass alle Tiere und Pflanzen im Schlossgarten ihren Platz behalten durften. So kam es einst in Mode, Gärten anzulegen, die nur aus Stein bestanden. Die Pflastersteine und Skulpturen sollten schlicht und beruhigend wirkend. Viele Königshäuser hatten ihre grünen Gärten daraufhin schon umgestalten lassen und auch Prinzessin Rosalindas Vater wollte dem in nichts nachstehen. Im allerletzten Moment konnte Rosalinda den König jedoch umstimmen und durfte ihren geliebten Garten behalten. Das hatten natürlich auch einige Lebewesen des Gartens mit angehört und freuten sich darüber, dass die Prinzessin sie so sehr mochte. Das heimliche Getuschel zwischen den Beeten nahm kein Ende, bis jede Ameise, jeder Regenwurm und jede noch so kleine Vergiss-mein-nicht-Blüte darüber Bescheid wusste. Seitdem liebte alles, was im Garten lebte, die Prinzessin genauso, wie sie den Garten liebte.

Es kam ein Morgen, da ging die Prinzessin nicht wie üblich die hintere Schlosstreppe in den Schlossgarten hinunter. Den ganzen Tag sah und hörte man draußen nichts von ihr. Als die Prinzessin auch am nächsten Tag nicht zu ihnen hinauskam, fingen die Marienkäfer an sich Sorgen zu machen, dass die Prinzessin womöglich ernsthaft krank geworden sei. Die Spinne im Rosenbeet murmelte halblaut etwas davon, dass die Prinzessin sie vielleicht nicht mehr gern hätte. Eine vorlaute Tulpenzwiebel im Boden meinte, dass die Prinzessin vielleicht hatte heiraten und das Schloss verlassen müssen. Sie sei dazu immerhin im richtigen Alter. Aber das Rotkehlchen aus der Buchenhecke brachte schließlich Neuigkeiten. Es hatte ganz nah an den Fenstern des Schlosses gesessen und gelauscht. „Die Prinzessin ist verschwunden. Ich habe sie im ganzen Schloss nirgendwo gefunden. Und der König sieht sehr besorgt aus. Viele haben sich im Thronsaal um ihn versammelt. Wie es scheint, wissen sie alle nicht, wo Prinzessin Rosalinda sein könnte. Keiner kann sie finden. Die alte Hexe hat sie entführt und versteckt. Sie verlangt jetzt, dass man ihr das halbe Königreich überlässt. Sonst wird sie nie verraten, wo sie Rosalinda eingesperrt hat.“

Da war das Geschrei und Geheule groß im Schlossgarten. Die Ebereschen wurden so traurig, dass sie vorzeitig Blätter verloren. Alle Blumen ließen ihre Köpfe hängen. Sogar die Ameisenkönigin kam aus dem Ameisenbau herausgekrochen, um ihr Volk zu trösten. „Wir müssen etwas unternehmen!“ sagte die Feldmaus bestimmt: „Prinzessin Rosalinda hat immer so viel für uns getan. Wir dürfen sie jetzt nicht im Stich lassen.“ Da waren sich alle einig. Leider konnten die Bäume nur in die Runde schauen und die kleineren Pflanzen nicht einmal das. Die Schnecken und Ameisen liefen gleich in alle Richtungen los, aber es war klar, dass sie nicht weit genug kommen würden. Auf die schnelleren Tiere kam es nun an. Auf alle, die fliegen und weite Strecken laufen konnten.

So brach auch ein junger Zitronenfalter namens Clementin auf. Immer, wenn die Prinzessin in den Garten gekommen war, war er ihr bereits entgegen geflogen. Wie alle Vögel, Falter und Fliegen flog auch Clementin über die Gartenmauer hinaus in die Wiesen. Die Bäume winkten ihnen hinterher und wünschten viel Glück bei der Suche. Clementin war eingeteilt worden, über das Moor zu fliegen. Davor schauderte ihm, aber er hielt tapfer durch. Bald hatte er sogar das ganze Moor überflogen, aber er hatte nichts gefunden. Keine Spur von Prinzessin Rosalinda! Auf der anderen Seite des Moores gelangte er zu einem kleinen Birkenwäldchen, wo er auf einer hohen Birke eine Rast einlegen wollte. „Darf ich mich kurz setzen und ausruhen, liebe Birke?“ fragte Clementin: „Ich bin schon über das ganze Moor geflogen auf der Suche nach Rosalinda und nun tun mir meine Flügel weh.“ „Ja, setz dich nur“, sagte die nette Birke: „Ruh dich aus und flieg dann weiter, wohin du magst.“ So setzte sich der Falter nieder. „Rosalinda, ist das auch ein Zitronenfalter?“ fragte die Birke, die sich wohl freute, dass so ein weitgereister Gast mit Neuigkeiten zu ihr übers Moor gekommen war. Clementin antwortete: „Nein, das ist die Prinzessin aus dem Schloss auf der anderen Seite vom Moor. Die Hexe hat sie versteckt und jetzt suchen wir sie. Prinzessin Rosalinda ist die beste Freundin aller Tiere und Pflanzen.“ „Prinzessin? Aha, so so“, machte die Birke nachdenklich: „Die Prinzessin kenne ich zwar nicht, aber die böse Hexe schon. Sie reißt immer Äste von uns Birken ab und macht sich daraus ein Feuer, so dass uns furchtbar heiß wird. Gestern kam sie in aller Frühe aus der Hütte, die unten am Boden neben meinem Baumstamm steht und hat gruselig gekichert. Flieg doch einmal hinunter und schau in die Hütte hinein, was die Alte dort getrieben hat. Vielleicht findest du irgendeinen Hinweis, wo die Prinzessin sein könnte.“ Das tat Clementin. Er schaute durch die Lücken zwischen den Holzbrettern der alten Hütte, die er am Fuße des Baumes fand, und kroch schließlich sogar durch eine besonders große Ritze hinein. Und, ob ihr‘s glaubt oder nicht, da saß klein und ängstlich in der Ecke die Prinzessin Rosalinda.


Sie hatte ihre Knie ganz eng umschlungen und schien zu frieren. Clementin flog zu ihr hinüber, flatterte um ihren Kopf herum und setze sich schließlich auf ein Knie. Da blickte die Prinzessin auf und lächelte sogar ein bisschen: „Ach, kleiner Freund. Hast du dich hier herein verflogen? Flieg schnell wieder in die Sonne! Ich muss hier bleiben und komme nicht hinaus.“ „Jetzt haben wir dich gefunden, jetzt wird auch wieder alles gut“, sagte Clementin zu ihr, aber die Prinzessin konnte ihn ja leider nicht hören. Stattdessen nahm die Prinzessin ihn auf einen Zeigefinger, stand auf und ging zur Hüttenwand. Mit dem Zeigefinger schob sie Clementin ganz vorsichtig durch eine Ritze wieder hinaus ins Freie. „Ab in die Freiheit!“ rief sie ihm durch die Holzbretter hinterher.

So schnell ihn seine gelben Flügel trugen, flog Clementin zurück über das Moor zum Schloss. Er überlegte, wie man Prinzessin Rosalinda aus der Hütte befreien könnte. Sicherlich war nicht einmal der pummelige Maulwurf schwer genug, um eine Türklinke herunterzudrücken, falls man ihn überhaupt vom Erdboden hinauf bekommen würde. Und die Hexe hatte sicherlich fest abgeschlossen, so dass man zuerst das Türschloss an der Hütte aufbekommen müsste.


Clementin war immer noch keine Lösung eingefallen, als er den Schlossgarten endlich erreicht hatte. Kein Tier und keine Pflanze im Garten konnte Rosalinda dort herausholen. Und die Menschen wussten nicht, wo die Prinzessin war. Ratlos und völlig außer Puste ließ der Falter sich im Schlossgarten auf ein besonders großes Faulbaumblatt fallen. „Ich hab sie gefunden“, schnaufte er den Gartenbewohnern zu, die sich nun rasch um ihn versammelten. „Wo ist sie?” „Lebt sie noch?“ „Geht es ihr gut?“ „Wann kommt sie wieder?“ „Warum hast du sie nicht gleich mitgebracht?“ Diese und noch viele andere Fragen rief man ihm zu. Clementin erzählte die ganze Geschichte, wie und wo er sie gefunden hatte, und endete mit den Worten: „Wir kriegen sie dort nicht heraus. Ihr Vater muss wissen, wo sie ist und sie selbst herausholen.“

Nun war guter Rat teuer und die tollsten Ideen, wie man den König zur Hütte bewegen könnte, wurden ersonnen. Die Mäuse erklärten sich sogar bereit in die Schlossküche zu schlüpfen und wollten sich dann von der Küchenmagd so lange jagen lassen, bis sie sie zur Hütte gelockt hätten. Aber die Fliegen glaubten nicht daran, dass die Küchenmagd dem „Ungeziefer“ so lange nachstellen würde. „Nicht mal die Küchenmagd jagt euch ganz über das Moor!“ meinten sie. So ging die Beratung im Garten eine ganze Weile weiter. Alle Rettungspläne mussten wieder verworfen werden. Auch dem Maulwurf kam eine Idee: „Ich könnte eine Botschaft in den Rasen graben, die man vom Schloss aus gut sehen kann. Bloß, wie erklärt man dem König das alles? Kann einer schreiben?“ Natürlich konnte das keiner. „Maulwurf, du könntest doch einen Tunnel in Form einer Rosenblüte und einen in Form eines Lindenblattes graben. Das steht für „Rosa“ und „linda“, ihren Vornamen!“ schlug die Amsel vor. „Ja“, meinte eine Rose: „Wir könnten noch eine echte Rosenblüte und ein echtes Lindenblatt jeweils dazulegen. Dann verstehen die Menschen es besser.“ „Von mir aus gern“, sagte die Linde. „Schön, also eine Rose und ein Lindenblatt“, nickte der Maulwurf: „Und dazu grab‘ ich noch einen großen Pfeil, der in die Richtung zur Hütte weist.“ „Ich zeig dir die genaue Richtung“, schloss der Zitronenfalter Clementin. „Und wir helfen mit!“ riefen die Wühlmäuse. So waren die Tunnel als schwarze Narben im grünen Rasen bald fertig gegraben. Die Amsel schaute sich das Werk noch einmal aus der Luft an und befand, dass die Botschaft klar erkennbar sei. „Das versteht nun wirklich jeder!“ meinte sie. „Jetzt muss der König nur mal aus dem Fenster schauen“, piepste ein Tausendfüßler. So fing ungeduldiges Warten an.

Im Schloss war der König sehr betrübt und hockte ratlos auf seinem Thron. Gerade hatte er seinen letzten Ratgeber fortgeschickt, der ihn mit altklugen Weisheiten, aber ohne klugen Rat aufzumuntern versucht hatte. Mitten in seine trüben Gedanken mischte sich plötzlich der Gedanke an Frühling. „Welch seltsame Gedankengänge!“ sprach der König zu sich selbst: „Wie komme ich denn jetzt auf den Frühling?“




Da fiel es ihm erst auf, dass draußen tatsächlich noch einmal der Frühling ausgebrochen zu sein schien. Alle Vögel sangen, und, wie er jetzt zum Fenster sah, bemerkte er, dass sie auch aufgeregt umherflogen. Eine große schwarze Amsel und eine leuchtende Blaumeise saßen direkt vor dem Fenster zum Thronsaal und klopften doch tatsächlich mit ihren Schnäbeln ans Fenster. Da stand der König auf und trat ans Fenster, um sich das Schauspiel genauer anzusehen. „Ach, Rosalinda, wie hätte dir dies doch gefallen?“ seufzte der König. Amsel und Blaumeise flogen davon, kehrten aber sogleich wieder zum Fenster zurück. Die Amsel trug nun eine Rosenblüte im Schnabel und flog damit drei Kreise vor dem Gesicht des Königs hinter der Fensterscheibe, als wollte sie ihm die Rose schenken. Sogleich flog die Blaumeise auf und tat es der Amsel nach, mit einem Lindenblatt im Schnabel. Schließlich flogen beide Vögel mit Rose und Lindenblatt davon und legten beides auf dem Rasen ab. Da sah der König die Botschaft des Gartens und begriff.

Als man die Prinzessin Rosalinda hinter dem Moor in der Hütte unter den Birken gefunden, sie heil zurück ins Schloss gebracht und ihr die Geschichte, wie man sie hatte finden können, erzählt hatte, wünschte sich die Prinzessin nur eines, nämlich dass die folgende Feier eine Gartenparty werden sollte, damit der Garten und alles, was darin lebte, auch mitfeiern könnte. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie noch heute!“

„Das war meine Geschichte“, sagte Nils und fragte seine Freunde: „Hat sie euch gefallen?“


Ina Wosnitza
Naturschutz & Naturparke, Heft 221
Mitgliederzeitschrift des Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP)
>www.verein-naturschutzpark.de





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