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Winter im Norden


Lasse Laubfrosch ist nicht dort, wo er jetzt gerne wäre. Er sitzt nicht gemütlich an Friedas Kamin. Er trinkt nicht genüsslich einen großen Becher heißen Kakao. Ihm ist kalt. Es nieselt. Es stürmt. Und dieses verdammte Meer ist nicht einmal zu sehen. Zu allem Überfluss scheinen die anderen gar nicht zu merken, dass alles totaler Mist ist. Aber für Lasse ist völlig offensichtlich, dass es eine Schnapsidee war, im Winter an die Nordsee zu fahren. Nur weil Nils dort im Sommer seine Klassenfahrt so toll fand. Lasse will wieder nach Hause. Und zwar sofort!
Lasse wusste zwar schon vorher, dass an der Nordseeküste die Gezeiten regieren und dass sich hier alle sechs Stunden Ebbe und Flut abwechseln. Frieda und Nils hatten erklärt, dass das am Mond liegt, der sich um die Erde dreht und dabei das Meerwasser anzieht. Dass es so kalt sein und ständig regnen würde, hatte ihm aber keiner gesagt.
„Findet außer mir noch jemand, dass es schweinekalt ist?“, fragt Lasse genervt.
„Nein, mein Schätzelein!“, flötet Henriette Hase und springt mit Schwung in eine Pfütze, dass es nur so spritzt. Igor Igel hüpft gleich hinterher und erzeugt eine noch viel größere Schlammfontäne. Nils Nachtpfauenauge, der in einem Rucksack auf Igors Rücken geschnallt und warm eingepackt ist, kreischt vergnügt.
Frieda Fuchs und Ferdinand Fischadler sind total in irgendeine Untersuchung vertieft. Sie hocken ein Stück entfernt zusammen auf dem Wattboden und graben im Schlick. Nur Lasse friert und steht herum mit seinen Gummistiefeln im Dreck und mit den Händen tief in den Jackentaschen.
„Ha, ich hab ihn!“, ruft Frieda, steht auf und hält einen dicken Wattwurm zwischen zwei Fingern. Stolz hält Frieda erst Ferdinand und dann den anderen den Wurm unter die Nase.
„Igitt!“, ruft Henriette.
„Ob der schmeckt?“, fragt Igor.
„Nein, Igor. Den darfst du nicht essen“, sagt Frieda.
„Was habt ihr denn da? Ich will auch mal sehen!“, ruft Nils aus Igors Rucksack. Igor dreht sich um, damit Nils auch mal gucken kann.


„Guten Tag, Herr Wurm“, sagt Ferdinand. „Wir setzen dich gleich wieder zurück in dein Haus. Wir wollten nur wissen, wer hier die ganzen Schlammkringel auf dem Watt macht.“
„Na, ich und meine Jungs!“, schreit der Wattwurm sie an, so laut er kann. „Was für eine dämliche Frage! Und was für eine Frechheit, mich einfach aus meiner warmen Röhre zu zerren! Setzt mich sofort wieder zurück. Mir ist kalt, ihr Schweinebande. Sofort, sag ich!“ Es ist zwar nicht sehr laut, weil der Wurm recht klein ist. Trotzdem zuckt Frieda zusammen, als würde er ihr gleich die Finger abbeißen, und lässt ihn fallen.
„Ins Loch, du dösige Kuh!“, protestiert der Wurm. „Soll ich mich jetzt etwa auch noch selbst wieder eingraben?“
Da greift Lasse ein. Zielstrebig geht er zu dem Wurm, hebt ihn kurzerhand auf, nimmt ihn zwischen beide Hände, um ihn warm zu halten, und trägt ihn hinüber zu dem Platz, wo Frieda und Ferdinand ihn aus seiner Röhre ausgegraben haben.
„Nehmen Sie’s nicht persönlich, Herr Wattwurm! Mir ist auch kalt und keinen interessiert‘s. Die sind halt leider vollkommen abgedreht heute“, sagt Lasse zu dem Wurm. „Sonst sind die nicht so.“
„Ja, ja“, macht der Wurm nur mürrisch und schaut Lasse von oben bis unten an.
„Das ist ja auch kein Platz für einen Laubfrosch hier“, fährt er dann fort. „Hast ja nicht mal einen anständigen Ostfriesennerz an. Geh dir man erstmal warme Klamotten kaufen, du Landratte!“
„Würde ich ja gerne“, antwortet Lasse. „Nur wo? Ich kenn‘ mich ja hier nicht aus.“
„Das weiß ja sogar ich. Wenn du mich in deine warme Jackentasche steckst, kannst du mich zum Einkaufen mitnehmen und ich lotse dich zu einem ordentlichen Laden für Nordlichter und Seebären. Die Piepen für einen Wollpullover und einen Ostfriesennerz musst du aber schon selbst beisteuern.“
„Kein Problem!“, ruft Lasse. „Meine Reisekasse ist noch gut voll. Und hinterher geb ich einen Grog aus. Was sagst du dazu?“


„Das ist ja allerbest, min Jung!“, nickt der Wattwurm und freut sich schon auf das ein oder andere Heißgetränk mit Schuss.
„Da will ich auch mitkommen“, ruft Nils aus Igors Rucksack. „Darf ich? Ich möchte gucken, ob es auch warme Sache in meiner Größe gibt. Dann kann ich vielleicht auch mal raus hier.“
„Nur zu!“, brummt der Wattwurm und nickt Nils zu. „Und der Rest der Truppe? Das Fuchs-Mädel schuldet mir jawohl auch noch einen Grog, würde ich meinen.“
„Wir dürfen auch mit!“, jubelt Henriette und hopst wie eine Verrückte um alle im Kreis herum. „Juhuuu! Shoppen!“
Also gehen schließlich alle mit. Der Wattwurm, der sich ihnen als Walter vorstellt, führt sie zu einem Laden, in dem sich Lasse endlich warme Sachen anschafft. Einen dicken Strickpulli, lange Unterhosen, einen gelben Regenmantel und dazu passenden Regenhut. Walter Wattwurm nennt die gelbe Regenkleidung „Ostfriesennerz und Südwester“. Lasses Geld reicht auch noch für ein paar Wollstrümpfe, die in seinen Gummistiefeln hoffentlich nicht ständig herunterrutschen können. Mehr kauft er lieber nicht, weil er ja noch Walters Grog bezahlen muss und sicherlich muss er selbst auch einen mittrinken.
Frieda und Henriette kaufen auch etwas ein. Die beiden Mädchen haben viel Spaß beim Stöbern und Anprobieren. Frieda findet ein graues Halstuch mit kleinen weißen Ankern und Segelbooten darauf. Henriette kauft sich ein paar rosafarbene Handschuhe und eine rosafarbene Regenjacke. Sie hat zwar schon eine Regenjacke, aber sie meint: „An rosa Sachen kann ich einfach nicht vorbeigehen.“
„Wem sagst du das?“, stimmt Frieda zu. „Es ist ja auch nicht so, als wäre das mein erstes Halstuch. Ich glaube, 30 Stück in verschiedenen Farben und Mustern habe ich bestimmt schon.“
Ferdinand brummelt etwas in seinen Bart hinein, das wie „Typisch Weibsleute!“ klingt.
Igor und Nils haben leider keine praktischen Sachen für Nils gefunden. „Wenn ich mich so warm anziehen würde, dass ich nicht erfriere, könnte ich sowieso vor lauter Klamotten nicht mehr fliegen“, berichtet Nils.
Igor ergänzt: „Und deshalb kannst du auch gleich in meinem warmen Rucksack bleiben.“
Nur einen klitzekleinen Südwester-Hut kauft Nils sich, damit er aus dem Rucksack ab und zu mal rausschauen kann, ohne dass er gleich tropfnass wird.
„Denn ist nun ja Zeit für Grog, nä?“, fragt Walter Wattwurm, als sich alle wieder vor dem Laden eingefunden haben.
„Jo, höchste Zeit für Grog und ein Krabbenbrötchen!“, sagt Igor. „Wo geht’s lang?“
Lasse marschiert voran mit seiner neuen wetterfesten Kleidung und mit einer Einkaufstüte, in die er seine alten Sachen hineingestopft hat und aus der Walter oben herauslugt. Walter dirigiert die Gruppe zu einer Strandbar. Dort sitzt man in Strandkörben direkt am Meer und kann seinen Tee oder Grog mit Blick aufs Wasser oder bei Niedrigwasser eben mit Blick aufs Watt trinken.


Nils erzählt davon, wie sie hier im Sommer auf Klassenfahrt Sandburgen gebaut haben und eine große Wallanlage um den Strandkorb des schlafenden Klassenlehrers herum. Von einer Schifffahrt und Robben berichtet er, vom Muschelschalen sammeln und vom Lagerfeuer mit Stockbrot am Abend.
Als sie über das Thema Stockbrot auf ihren vorherigen Urlaub auf Joes Ranch in Kansas zu sprechen kommen, hört Walter aufmerksam zu. Später erzählt er von seinen Reisen. Walter Wattwurm hat schon die halbe Welt gesehen. In Rio de Janeiro will er einem Seemann einen Finger abgebissen haben. Er hat schon 10 Jahre lang Schnaps nach Amerika geschmuggelt und im Nordmeer Walfang betrieben.
Während sie draußen vor der Strandbar sitzen und sich gegenseitig Geschichten erzählen, trinken die Freunde einen heißen Tee nach dem anderen, um sich warm zu halten. Da es nun dunkel geworden ist, hat es sich noch ein wenig mehr abgekühlt. Nun kuscheln sich alle in ihre warmen Sachen. Zum Glück hat es aufgehört zu regnen. Während Lasse und ein paar von den anderen zuerst einen Grog und danach nur noch Tee oder Kakao getrunken haben, bleibt Walter die ganze Zeit bei Grog mit viel Rum und wird immer lustiger. Das Seemannsgarn, das er den Freunden erzählt, wird so auch immer wahnwitziger.
Walter Wattwurm erzählt von versunkenen Städten und noch etwas später von Truhen voller Piratengold, die im Watt unter dem Schlick liegen und nur darauf warten, dass sie einer wieder ans Tageslicht holt.
„Ich könnte gut einen Piratenschatz gebrauchen“, scherzt Lasse. „Meine Reisekasse braucht Nachschub, nach dem Großeinkauf heute.“
„Einen Spaten habt ihr ja“, brummt Walter launig. „Dann kommt man morgen wieder raus zu mir und wir ziehen gemeinsam los ins Watt.“
„Au ja!“, ruft Henriette. „Eine Schatzsuche!“
„Wir wollten ja sowieso noch eine Wattwanderung machen“, sagt Frieda. „Igor, machst du wieder den Proviantmeister?“
„Jo!“, antwortet Igor. „Wenn mir ab und zu mal einer den Rucksack abnimmt, wenn er mir zu schwer wird, dann ist das kein Problem. Ich besorg‘ uns was Feines zu essen.“
Der Plan steht also. Morgen gehen die Freunde mit ihrem neuen Kumpel Walter auf die Suche nach versunkenen Piratschätzen.
Seit Lasse nicht mehr friert, gefällt ihm die Nordsee immer besser. „Ich glaub, einen Grog bestell‘ ich mir jetzt noch!“, sagt er.
„Mensch, Lasse! Du hast dich ja schnell an die örtlichen Gepflogenheiten angepasst!“, ärgert ihn Ferdinand, aber dann bestellt sich Ferdinand selbst auch noch einen Grog. Und Walter muss auch noch lange nicht nach Hause. Denn jetzt ist sowieso gerade Hochwasser und über seinem Wurmloch im Watt steht einen Meter hoch das Wasser.
„Nun muss ich ohnehin auf Ebbe warten. Da kann ich auch noch ein oder zwei Gläschen trinken. Wer zahlt die nächste Runde?“, fragt Walter.

Ina Wosnitza
Naturschutz & Naturparke, Heft 233
Mitgliederzeitschrift des Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP)
>www.verein-naturschutzpark.de



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